12. Okt 2007

Kat. Top | 0 Kommentare

Frankfurter Buchmesse 2007 und das Rascheln der Hörbücher

Das Verlagswesen, zumindest das in Deutschland, ist konservativ. “Keine Experimente!”, so könnte das alte Adenauer-Plakat gut und gerne in einem großen Teil der Verlagshäuser hängen. Nicht gemeint sind die kleinen, wendigen Verlage. Auch nicht jene, die groß genug sind, um sich mit ihrem Geld mal irgendeine Kooperation oder Plattform zu leisten. Gemeint sind eher jene “eingesessenen” Namen, die wir alle kennen. Erinnern wir uns nur auch das Zögern, Zaudern und Lammentieren, als man vor rund 10 Jahren die ersten E-Books einführen wollte: “Braucht der Kunde nicht!”, “Ist nur was für Techno-Freaks!”, “Raubkopierer! Raubkopierer!”. Die Wahrheit war vielmehr, dass die Entscheider in den Verlagen von den gleichen Ängsten gepackt worden waren, die damals auch so manchen Lehrer ergriffen hatte, der zum ersten Mal die Erfahrung machte musste, dass seine Schüler mehr wussten als er selbst. Abwiegeln und Aussitzen – nun, beim E-Book hat es geklappt, es hat auf dem Markt nie eine echte Chance bekommen.
Dass es dem Hörbuch mit immer noch deutlichen Zuwachsraten besser geht, ja, dass es sich momentan beginnt, neben dem Papierbuch zu etablieren, ist keineswegs das Verdienst der Verlage. Diese wurden vom Erfolg des Hörbuchs überrascht. Der eigentliche Gedanke war, ein Nischenprodukt zu schaffen, nach dem Motto “Pendler haben jetzt CD-Player im Auto. Machen wir mal was Nettes, was die Mutti dem Vati schenken kann.” Und siehe da: Die Konsumenten kam in Scharen. Phase 2, in der wir uns zur Zeit befinden, geht in die Richtung: “Ach, damit lässt sich Geld machen? Dann gründen wir mal zur Sicherheit ein Hörbuchlabel”.
Dass ein großer Teil der Kunden schon lange bei Phase 3 ist, von der Billig-DSL-Pipeline über Downloadplattformen wie Audible oder Claudio direkt auf den MP3-Player, davon möchte man noch nichts wissen. “Das macht doch nur 10 % aller Hörbuchverkäufe aus!” Und wieder: “Das ist nur was für Freaks!” Und: “Der Kunde will was zum Anfassen!”
Gut, es soll an dieser Stelle nicht darüber diskutiert werden, dass es sicher “nett” ist, eine “hübsch” verpackte Hörbuch-CD zu erhalten. Diese Variante wird weiterhin ihre Stammkundschaft finden. Aber diese Einstellungen, diese Diskussionen zeigen, dass die Verlage noch immer von den gleichen älteren Herrschaften der 90-er Jahre geführt werden. Das demonstrieren auch die Gespräche auf der Frankfurter Buchmesse: Obwohl ca. 700 Verlage sich dort mit Hörbuchproduktionen beschäftigen, drehen sich die Gespräche hauptsächlich um Verkaufszahlen. Nicht diskutiert wird die Bedeutung, die dieses Phänomen hat: Es verweist auf einen Kunden, der die Chance haben möchte, Literatur anders zu erleben, als dies in der Vergangenheit der Fall war: Der in Buchhandlungen nicht mehr die “Wühltisch-Ecke” für seine Hörbücher erleben möchte. Der Wert darauf legt, dass sie Sprecher ihr Fach beherrschen und eben nicht danach ausgewählt werden, dass man Billig-Promis wegen ihres Namens wählt. Der Buchhändler möchte, die das Hörerlebnis nicht mehr als “zweitrangig” behandeln, sondern sich gefälligst mit den Kriterien, die ein qualitativ hochwertiges Hörbuch erfüllen muss, beschäftigen.
Hier liegt noch ein ganzes Stück Wegs vor uns. Aber diesmal, nein, diesmal werden die Verlage des letzten Jahrhunderts die Entwicklung nicht mehr verhindern können. Noch hört man auf den Buchmessen nur das leise Rascheln der Hörbücher. In den nächsten Jahren wird es sich zu einem Dröhnen entwickeln. Yep!

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