24. Dez 2007

Kat. Top | 1 Kommentar

Hörbuch-Portale – so attraktiv wie Tante-Emma-Läden

In Zeiten, in denen tragbare MP3-Player zum Alltag gehören, Handys ganze Musikarchive beherbergen und Autoradios mit Buchsen für den USB-Stick ausgestattet werden liegt es nahe, Hörbücher bequem über die DSL-Leitung auf die heimische Festplatte wandern zu lassen. Portale, die sich zentral um die Vermarktung solcher Hörbuch-Dateien kümmern, gibt es daher schon länger und eins davon ist – oder war – Claudio. Ursprünglich wurde das Portal von dem Marktführer “Der Hörverlag” bestückt – eine Art Verbund unterschiedlicher Verlage (ähnlich wie DTV für den Printbereich). Ebenso stand Burda mit seinen Produkten hinter dem Angebot. Doch nun hat Claudio die Idee, eine Zentralstelle für Hörbuch-Downloads zu sein, aufgegeben.

Hörbücher sind dort ab sofort nur noch eine Unterrubrik unter den bekannten Buch- und Mediengeschichten, die Amazon & Co. schon lange anbieten. Kein Wunder, dass Melanie Cizmadia, die Betreiberin des bekannten Hörbuch- und Podcast-Blogs titelt “Hörbuch-Download-Portal claudio.de am Ende”, ähnlich die Schlagzeile beim Literatur-Cafe. Handelt es sich dabei um eine “Konsolidierung im Bereich der Download-Portale”, wie Melanie vermutet?
Nein, wäre meine Antwort auf die Frage. Im Gegenteil: Nicht nur Claudio, sondern auch die meisten der wenigen Mitbewerber, wie z. B. Audible, verspielen offenen Auges Chancen, die der Markt bietet. Sie präsentieren ihre Produkte in derart “altertümelnden” Strukturen des Designs und der Nutzerführung, dass man nur verwundert den Kopf schütteln kann. Man wird an die Regale früherer Kolonialwarenhandlungen erinnert, die alles irgendwie und irgendwo in eine Ecke stopfen nach dem Motto: Wenn der Kunde wirklich was will, dann wird er es schon finden und kaufen. Oder halt nicht. Auch egal.
Gleich soll näher auf die Punkte eingegangen werden, die besonders störend sind. Aber zuvor noch ein paar Bemerkungen zu den wahrscheinlichen Hintergründen, warum Hörbuch-Portale ihre Verkaufsflächen derart stiefmütterlich behandeln. Hörbücher in Form von Dateien anzubieten ist ein ausgesprochen kompliziertes Geschäft: Bei älteren Buchvorlagen ist ein derartiger Vertriebsweg gar nicht vorgesehen, neue Verhandlungen mit den Rechteinhabern müssen geführt werden. Bei jüngeren Werken sind vielleicht schon die Rechte für eine CD-Pressung geklärt, aber nicht unbedingt für Downloadvorgänge. Hinzu kommt die Angst der Verlage vor allem, was “kopiert” werden kann. Sie wollen da Verschlüsselungs- und Schutzmechanismen sehen, die natürlich zugleich eine Barriere für die Kundschaft darstellen. Ebenso wollen es sich Verlage nicht mit ihren eigentlichen Abnehmern, den Buchhandlungen, verderben. Diese verkaufen, obwohl im Unterschied zu Büchern keine Preisbindung herrscht, ihre Hörbuch-CDs oft zum “Höchstbetrag”. Download-Portale müssen und wollen günstiger sein, da der Konsument ja auf den physischen Datenträger verzichtet. Daher drängt sich die Vermutung auf: Wenn nun durch eine deutliche Unterstützung der Verlage die Download-Portale “zu” erfolgreich werden, könnte dies zu Verstimmungen seitens des Buchhandels führen. Allerdings ist die Einstellung vieler Buchhändler gegenüber Hörbüchern ganz generell ein Thema für sich, das hier nicht weiter erörtert werden soll.
Mit anderen Worten: Die aufwändige „Hintergrundarbeit“ und andere Faktoren schlucken sehr viel Zeit und Energie und binden natürlich auch Personal. Ein wenig hat man den Eindruck, dass den Anbietern beim letzten Schritt, ihre Produkte attraktiv zu präsentieren, die Puste ausgeht. Nur – gerade hier entscheidet sich, wie erfolgreich ein Angebot ist. Einem Hundert-Meter-Läufer nützt es auch nichts, wenn er auf den ersten 95 Metern in Top-Form war und die letzten 5 Meter nur noch schleicht.
Jetzt aber zu einigen Beispielen, was mir konkret auf den Webseiten der Anbieter aufgefallen ist. Das sind natürlich subjektive Eindrücke – die Portalbetreiber mögen ihre eigenen Gründe haben, warum sie es ausgerechnet so und nicht anders machen. Audible mag uns hier öfter als Beispiel dienen, da dieser Dienst der Marktführer in Deutschland ist, aber praktisch alle aktuellen Portalseiten haben Schwächen.[1]

1. Den Problemen von “Einsteigern” wird zu wenig Beachtung geschenkt
Gerade am Anfang gibt es unzählige Fragen, die jemand hat, der noch unerfahren im Hörbuch-Download ist: Wie funktioniert das? Wie kommt die Datei auf den Player? Darf ich die Datei brennen und verschenken? Muss ich MP3-Player von einem bestimmten Hersteller, z. B. Apple, benutzen? Wo “landet” die Datei, wie überspiele ich, was kann ich tun, wenn die Datei beschädigt ist usw. usw. Natürlich hat jedes Angebot eine “Hilfe”-Sektion, in der zumindest einige dieser Fragen geklärt werden. Dieser Bereich ist bei Audible zwar nicht gar so schlecht geraten, aber man muss ihn erstmal entdecken. Gut, und dann startet dort die Beschreibung gleich hübsch kompliziert: “Die Integration und Aktivierung ist dann in wenigen Schritten vollzogen”. Integration? Aktivierung? Gesonderte “Brennlizenz”? Und was um alles in der Welt ist ein “Creative MuVo”? Ebenso passen die grünlichen Screenshots (natürlich in niedriger Auflösung, da die Leute alle noch mit einem Telefonmodem surfen) hübsch zu den Hausfarben des Anbieters – der Kunde wird hingegen noch nie in seinem Leben derartige Farben bei seinem Windows-System gesehen haben.
Dass man das alternativ mit Videofilmen, guten PDF-Anleitungen, scharfen Screenshots, verständlicher Sprache usw. darstellen könnte – davon ist im Hilfebereich nichts zu sehen.

2. Das Design stammt oft noch aus der “Kreidezeit” des Webs
Audible nutzt nur einen schmalen Streifen des Monitors für die Darstellung. Genauer: ca. 760 Pixel, vermutlich weil vor einigen Jahren die Bildschirmauflösung von 800 Pixel noch üblich war. Das hat sich aber schon lange geändert. Entsprechend der Logfiles, die mir bei meinen Angeboten zur Verfügung stehen, sind es nur noch 1 – 2 Prozent, die derart kleine Monitore einsetzen. An die 98 % benutzt hingegen Auflösungen, deren untere Grenze bei 1.024 Pixel liegt – es werden also bereitwillig rund 20 % (!) Verkaufsfläche verschenkt. Und damit auch gleichzeitig Fläche der “Eingangshalle”, jene erste obere Bildschirmseite, die bei Neukunden zentral für das “Weiterblättern” ist.
Mit kleiner Schrift, kleinen Textboxen, kleinen Aufzählungen und Mini-Covern geht es dann weiter. Wieder Beispiele von vertanen Chancen: Gut bezahlte Grafiker und Agenturen haben sich tagelang Gedanken um Buchhüllen und CD-Cover gemacht, da die “Verpackung” im Alltag des Buchhandels oft den entscheidenden Kaufimpuls auslöst. Das hatte z. B. Amazon schon von der ersten Stunde an erkannt und stellt seit jeher die Möglichkeit der “großen Abbildung” zur Verfügung – nichts davon ist bei Audible und anderen Portalen zu sehen. Stattdessen briefmarkengroße Bildchen, die auf einem modernen Widescreen-Monitor auf Centgröße schrumpfen.
Es gibt hier noch sehr viel mehr Beispiele, aber lassen wir es damit einmal genügen.

3. Das Inhaltsverzeichnis – dürre Worte
Oft macht auch die Navigation einen eher “öden” Eindruck. Natürlich darf diese klar und ohne “Schnick-Schnack” sein. Aber bei Audible landet man nach dem Klick auf “Krimis und Thriller” auf einer Unterseite, die 9 weitere Kategorien enthält. Diese sind wiederum nicht etwa nach “Bedeutung” – für den Suchenden – geordnet, sondern schlicht alphabetisch. So findet man am Anfang “Autoren: Doyle, Arthur Conan”, weil “Autoren” mit einem “A” beginnt, und erst ein paar Reihen weiter die wichtigen Kategorien “Krimi” und “Thriller”.

Das alles sind nur eine Handvoll Beispiele von dem, was Anbieter falsch machen – und bei jedem Portal lassen sich solche Beispiele finden. Dabei ist die Zeit eigentlich “reif”: Es gibt tolle Hörbuchprodukte, die Verbindungsgebühren sind so niedrig wie noch nie, Bandbreiten und Festplattenkapazitäten so hoch wie noch nie. Der Kunde, das ist jedenfalls meine feste Überzeugung, würde schon kaufen – wenn man ihn denn ließe.

[1]Allerdings muss ich – wegen der folgenden Kritik – doch darauf hinweisen, dass ich Audible nicht für ein “schlechtes” Angebot halte. Ich bin selbst Kunde dieses Dienstes – aber man könnte es besser machen, denke ich.

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  1. Uli Bogenschütz sagt:

    Hallo Ihr Die Bücher von Harry Potter sind echt total spnend.
    Und wenn man sich mal reingelesen hat istes fast so als würde man selber dor mit spielen.

    Also bis dan Euer Uli

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