3. Apr 2010

Kat. Hörbuch, Top | 0 Kommentare

Serienmörder mit Herz

Der siebte Tod

ganz anders

Mein Name ist Joe. Ich bin ein netter Kerl. Aber manchmal bringe ich Frauen um. – So beginnt das Hörbuch “Der siebte Tod” von Paul Cleave. Joe ist wirklich ein netter Kerl. Er besucht zum Beispiel wöchentlich seine Mutter, die ihm aber auf die Nerven geht. Sie wirft ihm vor, dass er noch immer keine Freundin habe und vermutet, dass er schwul ist. Vor allem aber rechnet sie ihm permanent die Sonderangebote der Supermärkte vor, was unseren guten Joe sehr erregt. In dieser Erregung kann es schon mal passieren, dass ein wenig Rattengift im Kaffee des Mütterleins landet – mit dem gleichzeitigen Stoßgebet, dass sie noch möglichst lange gesund bleiben möge. Aber die Mutter ist nicht das eigentliche Problem von Joe. Sondern diese eine Ermordete, deren Tod dem “Schlächter von Christ Church” zugeschrieben wird. Das empört Joe. Denn er, und nur er, ist der Schlächter seines Stadtteils. Die sechs anderen sind okay, die haben sich so ergeben, dagegen sagt er auch nichts. Aber den siebten Toten will er nicht auf sich sitzen lassen – er versucht also, den Mörder zu finden.
Und Joe hat alle Möglichkeiten dazu, denn er sitzt – vielmehr: er fegt – an der Quelle. Nämlich im zuständigen Polizeirevier, so dass er Akteneinsicht nehmen kann. Die Kripobeamten halten ihn für geistig zurück geblieben und beachten ihn nicht weiter. Nein, sie haben ihn sogar gern.
Doch während seiner empörten Recherche stößt Joe auf eine Meisterin seines Faches, die ihn dort trifft, wo man einen Mann niemals treffen sollte …
Dieser Thriller ist anders, er ist erfrischend, er ist oft klug, er ist gekonnt – mit anderen Worten: er ist weitaus besser als die gängigen Serienkiller-Bücher. Und er ist witzig, etwa, wenn die Gedanken der Hauptperson um seine beiden Freunde kreisen: Pickle und Jehova, die nur über ein Kurzzeitgedächtnis von 5 Sekunden verfügen und mit denen man daher alles machen kann, ohne ihre Freundschaft zu verlieren. Sie vergessen es ja sofort wieder.
Ja, gelegentlich werden auch hier grauselige Details geschildert, aber sie sind nicht der Kern der Erzählung. Der Kern gewinnt viel mehr Gestalt durch die perfekte Art der Ich-Erzählung. Man schlüpft in Joes Haut und merkt, dass man als Serienkiller nicht eine “Bestie” sein muss – vielmehr kann man ein gutmütiger Typ sein, der das eher nebenher macht, weil es sich halt so ergibt.
Und gerade diese Besonderheit, nämlich die Gedanken des Killers “hautnah” zu erleben, schafft Martin Ruf wie kein anderer Sprecher! Er fängt die Stimmungsumschwünge ein, lässt die Ratlosigkeit erleben in dem Moment, wo der Mörder seine Meisterin findet, macht den gereizten Ton der Mutter so lebendig, dass man selbst versucht ist, die Rezeptur ihres Kaffees zu verändern, fängt unnachahmlich die Welt des gespielten Minderbemittelten versus die Welt des “Ich-bin-schlauer-als-ihr-alle” ein – nur selten erlebt man ein Hörbuch derart perfekt und nuacenreich gesprochen! Hut ab!
Zu den Schwächen: Die eigentliche Schwäche ist die Länge ab der Mitte – da hätte der Autor deutlich straffen können. Allerdings ist das zu verkraften, denn man hört der Erzählung gerne zu. Überflüssig brutal auch das Kapitel mit der Rollstuhlfahrerin – das hätte man dem Hörer ohne Verlust ersparen können. Aber das alles sind nur Kleinigkeiten – insgesamt bleibt es eine absolute Hörempfehlung für Krimifans mit stärkeren Nerven!

Paul Cleave: Der siebte Tod.
Dauer: ca. 11 Stunden
Download exklusiv bei Audible, ab 10 Euro.

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